• Santiagos Kick

    Santiagos KickSantiagos Kick

    Santiagos Kick

    Miriam Baltzer
    Santiagos Kick

    Von einem Tag auf den anderen wird das Leben des fünfzehnjährigen Jungen Santiago völlig auf den Kopf gestellt. Aufgewachsen in einem Vorort von Buenos Aires ist seine größte Leidenschaft das Fußballspielen. Doch als seine Eltern sterben, muss er sein geliebtes Dorf verlassen und zu seiner Tante nach Deutschland ziehen.

    Von nun an ist nichts mehr, wie es einmal war. Santiago erfährt, dass sein Vater gar nicht sein Vater war, in der Schule scheitert er, und eine Gang von älteren Jungen macht ihm das Leben zur Hölle. Schließlich wird er auch noch in Drogengeschichten hineingezogen …

    Wird das Fußballspielen Santiago bei der Bewältigung seiner Probleme helfen?

    Print:  12,90 € 
    E-Book:  11,99 €

    Leseprobe

    „Frau Walz? Spreche ich mit Frau Anna Walz?“

    Die dicken Falten am Kinn des Botschafters wackelten wie Pudding, wenn er den Kopf bewegte. Die Glatze des Mannes erinnerte Santi an eine Bowlingkugel, so glatt und glänzend, dass man sein Gesicht darin spiegeln konnte.
    „Hier spricht Engelmann von der deutschen Botschaft in Buenos Aires, Argentinien.“
    Das Hemd des Botschafters klebte unter den Achseln dunkel auf der Haut. Der Knopf seiner Hose wackelte auf dem Bauch hin und her, und Santi war sich nicht sicher, ob er die Dauer des Gesprächs überstehen oder noch vorher zu ihm über den Boden herüberkullern würde.
    „Frau Walz, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Schwester vorgestern Abend verstorben ist.“

    Die auffällige rote Narbe am Kinn des Mannes leuchtete frisch. Vielleicht hatte sie ihm ja ein anderer Klient zugefügt, den er auch so lange hatte warten lassen wie ihn. Santi konnte die Langsamkeit des Mannes, die alles im Raum zu lähmen schien, kaum mehr ertragen. Trotz der Wichtigkeit der Lage drohte Santi einzuschlafen – so wie früher im Unterricht. Der Lehrer hatte plötzlich die Stimme erhoben, und Santi war aus dem Schlaf hochgeschreckt. Alle um ihn herum hatten sich augenblicklich gerade hingesetzt. „Manchmal bedarf es wohl eines Tempowechsels, um euch wachzurütteln“, hatte der Lehrer gesagt.

    Mal sehen, ob das bei dem Typen auch klappt, dachte Santi und sprang vom Stuhl auf. „Was sagt sie?“
    Der Botschafter zuckte zusammen, und der Hosenknopf wackelte gefährlich. Seine dunklen Schlitzaugen funkelten Santi ärgerlich an. Er drehte den Schreibtischstuhl zur Seite, den Blick demonstrativ von Santi weg auf die gegenüberliegende Seite gerichtet.
    „Das ist noch nicht alles, Frau Walz. Fernando Alvarez, Ihr Schwager, ist ebenfalls tot. Er ist gestern mit dem Auto gegen einen Baum gefahren.“
    Santi versuchte, sich Anna am anderen Ende der Leitung vorzustellen. Er konnte sich nicht mehr an ihr Gesicht erinnern. Das letzte Mal, als er sie gesehen hatte, hatte er sich noch für Flugzeuge interessiert und Spielzeugautos in einem kleinen Koffer mit auf die Reise nach Deutschland genommen. Jetzt stand er hier in dem miefigen Büro und versuchte, nicht daran zu denken, was das Telefongespräch für seine Zukunft bedeuten könnte.
    „Frau Walz, Sie sind die einzige noch lebende Angehörige des gemeinsamen Sohnes der Familie, Santiago Luiz Alvarez. Es wäre notwendig, sich über den Verbleib des Jungen zu unterhalten.“
    Es klang, als wäre es ihm eine Last. Tut mir leid, dass ich dich von einem Nachmittag bei Rotwein und einem saftigen Steak abgehalten habe, dachte Santi. Pech gehabt, es gibt mich noch. Ein Überbleibsel der Familie Alvarez.
    „Die Eltern haben ein Testament hinterlassen. Dort ist der Wunsch geäußert, dass Santiago bei Ihnen leben soll.“

    Nun wusste Anna, was Sache war. Santi stellte sich vor, wie sie zu Hause auf dem Sofa saß, fernsah oder ein Buch las und dann diesen Anruf bekam. Das Leben im Gleichgewicht – und eine Minute später kam alles durcheinander.
    „Sie will dich sprechen.“ Der Dicke hielt ihm den Hörer hin und drückte sich mit beiden Armen an den Stuhllehnen nach oben. Der Bauch fuhr an der Tischkante entlang und quetschte ein Blatt Papier zwischen sich und dem Rand des Schreibtisches ein. Mit einem schmutzigen Stofftaschentuch wischte er sich über die Stirn und schob es dann umständlich zurück in die Hosentasche. Dann schlurfte er aus dem Raum. Das Papier, das an seinem feuchten Bauch kleben geblieben war, segelte zu Boden.

    Autorenvita

    Miriam Baltzer, geboren 1978, lebt mit ihrer Familie in Ludwigsburg und ist nach dem Studium der Sportwissenschaften als Pädagogin tätig. Die Geschichten der Jugendlichen, die sie in den letzten Jahren begleitet hat, und ihr Bezug zum Sport haben sie zu ihrem Roman inspiriert.

    1. Auflage
    200 Seiten
    Softcover, Klebebindung
    Print:
    ISBN 978-3-944266-29-9
    € 12,90 (D) / € 13,90 (A) / sFr 18,50
    E-Book (EPUB):
    ISBN 978-3-944266-30-5