• Berlin 2042

    Berlin 2042

    Berlin 2042

    Rüdiger Lehmann
    Berlin 2042

    Die deutsche Hauptstadt droht, in Regenfluten zu versinken.
    In diesem Katastrophenszenario gewährt Richard einer unbekannten Frau Unterschlupf in seiner Wohnung und verleugnet sie vor ihren Verfolgern, die einer mysteriösen Organisation anzugehören scheinen. Doch genauso unerwartet, wie die Frau aufgetaucht ist, verschwindet sie auch wieder. Als schließlich auch Richard von den Verfolgern der Frau bedroht wird, beginnt eine Odyssee durch das mehr und mehr im Hochwasser versinkende Berlin. Welches Geheimnis umgibt die Frau und wird Richard sie retten können?

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    E-Book: von 15,99 €  auf 6,99 €

     

    Leseprobe:

    Freitag, 15. August 2042

    Kurz nach neun war ich aufgestanden und hatte den Rest des Tages vertrödelt. Ein Blick nach draußen zeigte mir, dass noch immer das Sauwetter der letzten Tage herrschte. Eine kaum zu durchdringende Regenwand hing vor dem Fenster. Hin und wieder wurde sie durch das Aufzucken eines Blitzes zerrissen, dem ein dumpfes Gurgeln folgte – als ob selbst der Donner in den Wassermassen ersaufen würde.

    Der Bahnhof Friedrichstraße, der sich zweihundert Meter entfernt von meinem Haus am Schifferbauerdamm befand, war nur als schemenhafter Buckel zu sehen. Mit Mühe konnte ich das Band der kanalisierten Spree erkennen, die unten ihres Weges zog. Ihr Pegel stieg weiter und weiter. Aber das war nur zu erahnen.

    Jede Bewegung erinnerte mich daran, wie unangenehm mir das Hemd auf dem schwitzenden Körper klebte. In meiner Wohnung, die über keine Klimaanlage verfügte, herrschten  fünfunddreißig Grad! Laut Meteo war keine Änderung des Wettergeschehens zu erwarten.

    Meine beruflichen Aussichten waren nicht besser. Jahrelang hatte ich Programme für intelligente Teppiche entwickelt. Doch nach dem Farbenskandal vom vorangegangenen Jahr war meinem Auftraggeber die Kundschaft ferngeblieben. Wer kaufte schon Teppiche, die sich nicht reinigen ließen? Da konnten sie noch so intelligent sein! Mich als Freelancer hatte es natürlich als einen der Ersten erwischt. Am Donnerstag, mitten in der Programmierung einer offenen Do-While-Schleife, erhielt ich den Anruf. Mit sofortiger Wirkung, hieß es.

    Ich trat näher ans Fenster. Gerade als ich mich fragte, wann sich die Spree mit dem See, der sich auf der Straße gebildet hatte, vereinen würde, sah ich, wie eine von der Friedrichstraße kommende Person den Schiffbauerdamm entlang eilte. Sie blickte sich immer wieder um, als würde sie verfolgt. Und tatsächlich: Jetzt sah ich zwei weitere Gestalten aus dem Regen auftauchen.

    Die einzelne Person überquerte die Straße. Gleich darauf verschwand sie unter meinem Erker. Dem Laufstil nach zu urteilen, war es eine Frau.

    Ich wechselte zum jenseitigen Fenster des Erkers in der Absicht, die Jagd von hier aus weiter zu verfolgen.

    Ich wartete vergebens.

    Stattdessen hörte ich den Türgong, dann ein lautes Klopfen. Ich schaltete das Spionbild ein. Da stand die Frau, die ich beobachtet hatte. Wie war sie ins Haus gelangt?

    Einen Moment schwankte ich. Sollte ich ihr öffnen? Mir fielen die beiden Verfolger ein. Ja, ich wollte ihr helfen.

    Sie schlüpfte herein und blickte mich durch ihre nassen Haarsträhnen unverwandt an. Angst spiegelte sich in ihren Augen. Sekunden vergingen ohne ein Wort. Da drangen aus dem Treppenhaus Schritte an mein Ohr. Behutsam schloss ich die Tür. Die Frau legte den Finger auf die Lippen und zog mich am Arm ins Innere der Wohnung. Erneut ging der Türgong. Auf dem Monitor sah ich die Verfolger, zwei Männer in Overalls. Mit wilden Gesten beschwor mich die Frau, nicht zu reagieren. Doch ich hatte bereits die Mikrotaste gedrückt und fragte die beiden, was sie wünschten.

    „Haben Sie soeben eine Frau in Ihre Wohnung gelassen?“

    Ich überlegte: Sie mussten bereits im Haus gewesen sein, als ich die Frau hereingelassen hatte. Und mit Sicherheit gab es Wasserspuren, die zu meiner Wohnung führten.

    Meine Besucherin schüttelte beschwörend den Kopf.

    Entgegen aller Logik sagte ich: „Nein, ich habe keine Frau in meine Wohnung gelassen. Warum fragen Sie?“

    „Weil einiges darauf hindeutet.“ Der Sprecher richtete seinen Blick auf den Boden. Die Wasserspritzer hatten mich verraten.

    Warum ließ ich mich überhaupt auf eine Diskussion ein? Vertrauenserweckend sahen die beiden Gestalten nicht gerade aus. Der kleinere von ihnen hatte an der linken Schläfe eine Narbe, die von dem inzwischen nachgewachsenen Haar noch nicht wieder ganz verdeckt wurde. Ich zoomte näher heran und sah den typischen Abdruck neben dem Ohr: Der Mann hatte sich einen Kommunikationschip implantieren lassen. Das Ding kam bei Telefoniersüchtigen mehr und mehr in Mode. Die Narbe war das Bemerkenswerteste an dem sonst blassen Gesicht. Das seines Begleiters war dafür umso imposanter, fast furchteinflößend. Der schwarze Vollbart und die scharf geschnittene Hakennase ließen mich unwillkürlich an einen Piraten denken.

    „Darf ich fragen, wer Sie sind?“

    „Wir kommen im Auftrag der…“, begann der Chipmensch zu sprechen. Doch der Pirat, der bisher geschwiegen hatte, fiel ihm ins Wort. Waren sie sich nicht einig?„Wir vertreten die Interessen einer gemeinnützigen Vereinigung, die sich um Personen mit nicht normgerechtem Verhalten kümmert. Ihre Besucherin ist eine von ihnen.“

    Autorenvita

    Rüdiger Lehmann wurde 1956 in Bautzen/Sachsen geboren und kam 1978 zum Studium der Außenwirtschaft nach Berlin. Kurz vor dem Mauerfall 1989 siedelte er in die Bundesrepublik über. Seine Tätigkeit als EDV-Berater übte er in Frankfurt/M., London, Atlanta/Georgia, Nürnberg und Basel aus. 2004 kehrte er nach Berlin zurück. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit geht er der Beschäftigung als Komparse und Kleindarsteller für TV- und Kinoproduktionen nach.

    1. Auflage
    234 Seiten
    Schwarzweiß-Illustrationen
    Softcover, Klebebindung
    Illustrationen: Kathi Andree
    Print:
    ISBN 978-3-943018-28-8
    € 7,90 (D) / € 17,90 (A) / sFr 30,90
    E-Book (EPUB):
    ISBN 978-3-943018-43-1

     

  • Such mich in Berlin

    Such mich in Belrin

    Such mich in Berlin

    Dietrich Novak
    Such mich in Berlin

    Marie und Vera, zwei Frauen aus Berlin, die sich schon seit Kindertagen kennen, verbindet etwas: Beide werden von Albträumen gequält und glauben, nicht zum ersten Mal in Berlin zu leben. Gemeinsam beschließen die beiden Freundinnen, intensive Nachforschungen zu betreiben.
    Vera glaubt, sich in einem alten Fotoalbum als „Helga“ wiederzuerkennen, die in den sechziger Jahren mit ihren Eltern in Ostberlin gelebt hat, und setzt alles daran, ihren damaligen Geliebten zurückzugewinnen. Und Marie ist sich sicher, in den fünfziger Jahren als „Cindy“, das Kind einer Deutschen und eines amerikanischen Soldaten, in Westberlin gelebt zu haben. Sie verliert sich in Rachefantasien gegenüber einer Frau, die sie als Schuldige an einer lange zurückliegenden Familientragödie ausmacht, und schreckt auch nicht davor zurück, ein Verbrechen zu begehen. Eine spannende Spurensuche mit viel Berliner Lokalkolorit und einer guten Prise Nostalgie.

    Print: 13,90 €  
    E-Book:  9,99 €   

    Rezension: lesen

    Leseprobe

    Ein einziges Mal war sie ihren Prinzipien untreu geworden und hatte dem Werben eines Verehrers nachgegeben. In jener Nacht des Jahres 1992 saßen wir in einer angesagten Diskothek auf einer Polsterbank, vor einem kleinen quadratischen Tisch mit halb gefüllten Gläsern. Vera trug ihr dunkles Haar mittlerweile lang und glatt im Stil einer Francoise Hardy, dem französischen Schallplattenstar der sechziger Jahre. Sie schaute den tanzenden jungen Leuten zu, die sich auf der Tanzfläche tummelten. Ihre Blicke waren suchend, beinahe etwas gehetzt. Bei einem langsamen, etwas leiseren Musikstück sprach ich sie an.
    „Willst du dich nicht auch mal auffordern lassen? Du kannst doch nicht immer nur alleine tanzen. Es sind ein paar ganz hübsche Typen hier.“
    „Nein, danke. Die sind mir alle viel zu grün“, sagte sie abweisend.
    „Und deine Kollegen in der Berufsschule oder in der BfA, da hast du doch die große Auswahl, bei so vielen Angestellten. Ist da keiner dabei, der dir gefällt?“
    „Nicht einer. Die Azubis sind die gleichen Jüngelchen wie hier, und die Mitarbeiter in der BfA sind überwiegend verheiratet, aber sie würden mir ohnehin nicht gefallen.“
    „Weil keiner wie Peter aussieht?“
    „Genau.“
    „Was war er eigentlich für ein Typ?“
    Plötzlich wurde Veras Blick starr. Sie war wie gebannt von einem jungen Mann mit markantem Gesicht und aschblonden, glatten Haaren. So hatte ich sie noch nie erlebt.
    „Guck mal unauffällig zur Bar rüber. Der mit den zurückgekämmten Haaren ist Peter wie aus dem Gesicht geschnitten“, flüsterte sie.
    „Hübscher Kerl, zwar nicht mein Typ, aber nicht schlecht. Aber dein Peter kann es wohl kaum sein. Wenn er überhaupt noch lebt, müsste er so um die Fünfzig sein.“
    „Ich weiß, dass er noch lebt, so wie du weißt, dass du Cindy warst“, sagte sie beschwörend.
    „Ja, aber der könnte allenfalls sein Sohn sein.“
    Vera reagierte ärgerlich. „Weiß ich ja, aber er sieht wirklich genauso aus wie Peter.“
    Dem Burschen war nicht entgangen, dass wir ihn gemustert und über ihn gesprochen hatten. Er kam direkt auf Vera zu und forderte sie zum Tanzen auf. Vera folgte ihm wie hypnotisiert. Ich schaute ihnen eine Weile beim Tanzen zu. Als ich plötzlich spürte, wie müde ich war, nahm ich einen Zettel aus meiner Tasche und schrieb: „Muss morgen früher in der Buchhandlung sein. Wir telefonieren. Viel Spaß. Cindy.“
    Nachdem ich den Zettel unter Veras Glas gelegt, ihr kurz zugewinkt, und sie genickt hatte, verließ ich die Diskothek. Ich sog dankbar die frische Luft ein und war froh, der hämmernden Musik entkommen zu sein.

    Julia machte ein pikiertes Gesicht. „Jetzt sag’ bloß noch du glaubst, ooch schon mal jelebt zu haben. Wat warste denn? Vielleicht die Tochter von een Pharao?“
    „Nein, sicher nicht. Aber mir kommt es vor, als sei ich schon mal von einem Hochhaus gefallen. Wenn du es genau wissen willst.“ Veras Ton war dabei ganz sachlich.
    „Det gloob’ ick nich’. Solche Angst, wie du vor det Dreimeterbrett im Schwimmbad hast“, ließ Julia nicht locker. „Warum biste überhaupt vom Schwimmunterricht freijestellt? Wahrscheinlich weil de Angst vor Wasser hast.“
    Ich zuckte fast unmerklich zusammen.
    „Jenau wie Marie“, plapperte Julia weiter. „Wisster, wat ick gloobe? Ihr habt nur einfach keene Lust. Tolle Masche, die ihr euch da ausjedacht habt.“
    Vera sah sie durchdringend an „Und weißt du, was ich glaube? Dass du eine selten dämliche Kuh bist.“
    Julia funkelte sie einen Moment böse an, sprang wortlos auf und ging zu einer in etwas Entfernung stehenden Mädchengruppe. Sie sprach hastig auf sie ein. Alle schauten zu uns herüber. Vera nahm kurzerhand ihren Apfelrest und warf ihn in ihre Richtung.
    „Stimmt das mit dem Hochhaus? Du hast mir noch nie davon erzählt“, fragte ich leise, damit es die anderen nicht hören konnten.
    „Das weiß niemand. Hätte ich nur meine Klappe gehalten. Aber es hat mich geärgert, dass sie über Martin hergezogen ist, diese Zicke. Ich mag ihn und seine Geschichten. Egal, ob sie wahr oder erfunden sind.“
    „Kannst du dich noch an mehr erinnern?“
    „Ja, ich liege mit Peter im Bett und bin restlos glücklich.“
    „Ist Peter dein Bruder?“
    „Nein, er ist mein Liebster“
    Mir blieb die Spucke weg. „Du hast einen Freund?“
    „Nein, nicht jetzt, früher, viel früher.“
    „Du meinst im Sandkasten?“
    „Quatsch. Ich sage doch viel früher. Wir waren beide erwachsen.“
    Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
    „Ich muss so Anfang Zwanzig gewesen sein. Und Peter war meine große Liebe. Aber er wollte mich verlassen.“
    „Warum? Hat er dich nicht geliebt?“
    „Doch, ich glaube schon. Aber ich wollte nicht mit ihm fortgehen. Ich hatte zuviel Angst.“
    „Hast du eine Ahnung,  in welcher Zeit das gewesen sein soll?“
    „Ich glaube in den Sechzigern. Ich sehe immer am Schrank ein Kleid hängen, wie es meine Oma auf alten Fotos getragen hat.“

    Autorenvita

    Als typisches Kind der fünfziger Jahre galt Dietrich Novaks Interesse schon immer dem Film, den schönen Künsten und seiner Heimatstadt Berlin. In reiferen Jahren erhielt er die Möglichkeit, sich einen Traum zu erfüllen und selbst als Schauspieler auf der Bühne zu stehen. Schon bald schrieb er eigene Theaterstücke, die allesamt zur Aufführung kamen. Nebenher verfasste er Romane und Drehbücher, in denen er seiner Fantasie freien Lauf lassen konnte. Heute konzentriert er sich hauptsächlich auf das Schreiben. Er beschäftigt sich auch gerne mit der jüngsten Vergangenheit und hält mitunter einen nostalgischen Rückblick auch auf das eigene Leben. Seine Liebe gilt den fünfziger Jahren mit ihrem Wirtschaftswunder. Als Maler kann er auf diverse erfolgreiche Einzel- und Gruppenausstellungen zurückblicken.

    1. Auflage
    192 Seiten
    Schwarzweiß-Illustrationen
    Softcover, Glanzeinband, Klebebindung
    WG Unterhaltung
    Illustrationen: Kathi Andree
    Print:
    ISBN 978-3-943018-34-9
    € 13,90 (D) / € 14,90 (A) / sFr 20,90
    E-Book (EPUB):
    ISBN 978-3-943018-35-6