Lilie der Finsternis

Lilie der Finsternis

Lilie der Finsternis

Norman Dark
Lilie der Finsternis

Der Schriftsteller Miles Wellington zieht mit seiner Ehefrau Kate und seinen beiden Kindern in ein altes Cottage in der Grafschaft York, das er von seiner verstorbenen Tante geerbt hat. Die Erbschaft, die auf den ersten Blick ein Glücksfall zu sein scheint, stellt sich im Nachhinein als schwere Bürde heraus: In dem Haus geschehen mysteriöse Dinge, deren Ursachen weit in die Vergangenheit zurückreichen. Als dann auch noch ein Verbrechen geschieht, droht die junge Familie an den Ereignissen zu zerbrechen.

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Leseprobe

Gemeinsam trugen sie den Vitrinenschrank an seinen neuen Platz und begutachteten das Ergebnis. Miles trat einige Schritte zurück, um einen besseren Eindruck zu gewinnen. Plötzlich fiel sein Blick auf die leere Wand, in der jetzt deutlich so etwas wie eine Tapetentür zu erkennen war, die bisher die Vitrine vollständig verborgen hatte. Neugierig ging Miles darauf zu und suchte vergeblich einen Riegel oder Knauf. Es gab keinen.
„Eigenartig. Was nützt eine Tür, die hinter einem Schrank verborgen ist?“, überlegte er.
„Dahinter befindet sich eine Putzkammer“, meinte Kate. „Aber ich glaube nicht, dass es dort auch einen Türausschnitt gibt.“
„Das können wir leicht feststellen“, sagte Miles und lief auf den Flur. Im Nebenraum suchte er mit einer Taschenlampe die angrenzende Wand ab, konnte aber keinen noch so schmalen Spalt finden. Plötzlich ließ er den Lichtkegel an die Decke gleiten und stellte zu seiner Überraschung fest, dass diese im hinteren Teil des Raumes schräg war und rechts hinter einem Regal fast bis zum Fußboden ging.
Zurück im Salon tastete Miles vorsichtig die Wand um den Türausschnitt herum ab und wurde dabei erwartungsvoll von Kate beobachtet. Plötzlich gab es ein Knirschen, und die Tür schob sich langsam in die rechte Wandhälfte hinein. Ein Schwall modriger Luft schlug Miles entgegen. Hinter dicken Spinnweben verborgen führte eine schmale Treppe nach oben. Kate zögerte, ob sie Miles folgen sollte, aber schließlich siegte ihre Neugier.
Am Ende der Treppe befand sich eine dunkle Holztür, von der die Farbe abblätterte. Im unteren Drittel befand sich ein rostiger Riegel.
„Eins ist sicher“, flüsterte Miles. „Wenn Tante Harriet von dieser Schatzkammer wusste, hat sie diese lange nicht benutzt. Bist du sicher, dass wir weitergehen wollen? Wer weiß, was dort für Ungeziefer auf uns lauert.“
„Vielleicht sollten wir Rattengift und Insektenspray mitnehmen“, sagte Kate atemlos.
„Ich fürchte, für die Art von Ungeheuern, die dort hausen, werden wir kein probates Mittel haben.“
Als Miles den rostigen Riegel aufschob, versteckte sich Kate ängstlich hinter seinem Rücken. Weil sie sich an seinem Hemd festklammerte, zog er sie förmlich hinter sich her. Der Raum war nur diffus beleuchtet, weil das einzige Fenster weitgehend mit Brettern vernagelt war.
„Siehst du, es war keine Spiegelung, die ich vor einigen Tagen vom Garten aus gesehen habe“, meinte Kate. Einen Moment lang kostete sie ihren Triumph aus, denn Miles hatte ihr nicht glauben wollen, dass eines der Dachbodenfenster vernagelt war. Außerdem hatte sie den Dachboden als etwas kürzer als die Etage darunter empfunden. Doch auch dieses Argument hatte Miles durch die Unmengen von herumstehendem Gerümpel entkräftet, denn vollgestellte Räume wirkten nun einmal kleiner.
Die Kammer musste schon Jahrzehnte in Vergessenheit geraten sein, denn sie war in einem erbarmungswürdigen Zustand. An den Wänden lösten sich breite Partien von Tapete, und auf der Kommode lag eine zentimeterdicke Staubschicht. Die darauf abgestellten Gegenstände waren mit dicken Spinnweben umhüllt, so dass man nicht auf Anhieb erkennen konnte, worum es sich handelte.
In einer dunklen Ecke stand ein graues Bettgestell, das einmal weiß gewesen sein musste. Sein Einlegeboden war mit aufgeschlitzten Matratzen bedeckt, die fleckig und unappetitlich wirkten.In Kate kroch das Grauen empor, als sie die Riemen an Kopf- und Fußende bemerkte. Auch die verstaubte weiße Bettpfanne unter dem Bett flößte ihr Abscheu ein. Sie schrie erschrocken auf, als Miles den Lichtkegel der Taschenlampe auf einen altertümlichen Rollstuhl richtete, der ebenfalls an den Armlehnen und am Trittbrett breite Lederriemen aufwies. Eine fleckige alte Wolldecke war achtlos auf den Stuhl geworfen worden und hatte dabei eine Form angenommen, die auf den ersten Blick wie eine etwas klein geratene Person aussah. Ein Kind?

Autorenvita

Norman Dark wurde als Kind einer Deutschen und eines Amerikaners in Berlin geboren. Nach der Scheidung der Eltern wuchs er bei seiner Mutter auf. In der Schule zeigte sich sein Talent zum Schreiben. Inspiration für seine kleinen Geschichten fand er u.a. in den Filmen  von Hollywoods Schwarzer Serie. Nach dem frühen Tod der Mutter begann seine Sinnsuche und das Interesse für fernöstliche Religionen. In seinen Romanen führt er seine Leserschaft an berühmte europäische und amerikanische Schauplätze. Dabei schreckt er auch vor Themen wie Seelenwanderung oder Spuk nicht zurück.

1. Auflage
188 Seiten
Softcover, Glanzeinband, Klebebindung
Print:
ISBN 978-3-943018-08-0
€ 12,90 (D) / € 13,90 (A) / sFr 19,90
E-Book (EPUB):
ISBN 978-3-943018-09-7

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