Café Bahiamar

Cafe Bahiamar

Café Bahiamar

 

Sven Werner
Café Bahiamar
Nur ein bisschen Gaunerei….

Salvador da Bahia im Juli 2001. Es sind bewegte Zeiten.
Die Polizei streikt, und es kommt zu Plünderungen und Raubmorden. Angst und Chaos herrschen in den Gassen der brasilianischen Hafenstadt. Dann stirbt ein Schriftsteller, ein Mädchen namens Lena verschwindet spurlos, und ganz nebenbei fällt das World Trade Center in New York in sich zusammen. Jetzt helfen nur noch die afro-brasilianischen Götter
Ein spannender und zugleich unterhaltsamer Tatsachenroman vor der Kulisse der historischen Altstadt von Salvador da Bahia.
Print: 12,90 € 
E-Book:  10,99 € 

Leseprobe

„Uma cerveja, por favor“, ein Bier, bitte.

Wilson langte sofort hinter sich in den Kühlschrank mit der Coca-Cola-Reklame, griff nach einer Dose und stellte sie auf den Tresen, unmittelbar dorthin, von wo die Stimme – es war wohl ein deutscher Akzent – gekommen war. „Um e cinquenta“, einsfünfzig.

Sein Blick steuerte von der Dose in das Angesicht seines Gegenübers, das er erst in diesem Moment wirklich wahrnahm. Der Mann, der ihm jetzt genau einen Real und fünfzig Centavos in abgezählten Münzen herüberschob, war vielleicht Anfang dreißig. Er war von untersetzter, fülliger Statur. Sein kurzrasiertes dunkelblondes Haar ließ unverhüllt seinen etwas trockenen Gesichtsausdruck mit der runden Brille und den glasblauen Augen hervortreten. Ein ehrlicher Mann, ein Deutscher. Die nackten Wangen würden in zehn Jahren wahrscheinlich zu einem Doppelkinn zerflossen sein.

„Deutsch?“, fragte Wilson und drehte den Wasserhahn auf.

Der trockene Gesichtsausdruck erhellte sich, indem sich die breite Stirn über den überraschten Augenbrauen in verwunderte Falten legte. „Ja, ich komme aus der Nähe von Frankfurt. Woher wissen Sie das?“ Die Dose öffnete sich mit einem lauten Krachen.

Wilson war in den Jahren, die er als Barmann in dem Café auf dem Pelourinho verbracht hatte, einem Gewimmel von Menschen aus aller Welt begegnet. Er konnte Menschen, die er noch nie gesehen hatte, in Sekundenschnelle einordnen. Nicht selten vertrieb er sich die Zeit damit, sie zu beobachten, ihre Sprache und Herkunft zu erraten und dem ein oder anderen in Gedanken eine Geschichte auf die Nase zu binden. Es war fast schon so eine Art Spiel daraus geworden. In dem Spiel lag eigentlich kein tieferer Sinn, allenfalls ein besonderer Reiz. Um ihm aber wenigstens einen Anschein von Sinnhaftigkeit zu geben, nannte Wilson es einfach „Menschenraten“.

Der Pelourinho, das historische Zentrum Salvadors, war Anlaufstelle für Hunderttausende von Touristen im Jahr. Viele von ihnen waren auf der Durchreise und machten hier Station auf ihrem Weg entlang der brasilianischen Küste von Süden nach Norden oder von Norden nach Süden. Die meisten hielten es aber nicht länger als ein paar Tage hier aus und waren dann plötzlich wieder verschwunden.

„Ich glaube, Ihre blauen Augen haben Sie verraten. Schon lange hier?“

„Nein, erst seit gestern. Übermorgen fliege ich schon wieder weiter nach Recife.“ Der Deutsche nahm einen kräftigen Schluck aus der Dose. „Und Sie? Arbeiten Sie schon lange hier?“

Wilson nahm ein Whiskeyglas und trocknete es ab. Er überlegte einen Moment. „Drei Jahre vielleicht. Zu lange jedenfalls.“

Die Dose landete mit einer lässigen Handbewegung auf dem polierten Thekenholz. „Wow!“, dröhnte dem Barmann ein tiefer Bass entgegen. „So viel Zeit wie Sie müsste man haben. Nicht schlecht, und das bei all den schönen Frauen hier …“ Er zwinkerte ihm mit dem rechten Auge vielsagend zu, als wüsste Wilson schon worum es ging. Dabei verzog sich sein verschwitztes Gesicht zu einem breiten Grinsen, und noch bevor Wilson sein „Ja, aber …“ herausbrachte, nahm dieser schon die Dose, die sowieso schon fast leer war, blickte flüchtig zum Ausgang und streckte ihm die Hand entgegen. „So, jetzt muss ich aber, hab noch was vor heute Abend. War nett, mit Ihnen zu plaudern. Hasta mañana“, sagte er – in Verkennung der Tatsache, dass man in Brasilien Portugiesisch spricht und nicht Spanisch.

Wilson zuckte nur kurz mit den Schultern, stellte sein trockenes Whiskeyglas in die Vitrine, tat einen weiten Schritt in Richtung Hand und schlug ein. „Até amanhã então”, bis morgen. Er sah zu, wie der Dicke zur Tür hinauswankte, sich noch einmal grinsend umsah und dann in der Dämmerung verschwand.

Sein Chef Marcel wollte ihn am Abend zu einem Drink überreden. Wilson war aber nicht in Stimmung. Heute nicht. Stattdessen schlenderte er durch das Auf und Ab der Gassen Pelourinhos nach Hause.

Autorenvita

Geboren 1974 in Marburg, studierte Sven Werner Germanistik, Pädagogik, Politikwissenschaften, Musikpädagogik und Romanistik in Münster. Nach mehreren Auslandsaufenthalten unter anderem in Afrika und Brasilien, einer zwischenzeitlichen Tätigkeit als Entwicklungshelfer und freischaffender Lektor arbeitete er längere Zeit als Lehrer, bevor er sich schließlich voll und ganz der Schriftstellerei widmete. Er ist mit einer Brasilianerin verheiratet.
Zum Zeitpunkt der Terroranschläge in New York am 11. September 2001 befand sich Sven Werner gerade in Salvador da Bahia und hatte dadurch Gelegenheit, in der für ihre Weltoffenheit und ihren Kosmopolitismus bekannten brasilianischen Hafenstadt die Eindrücke und Reaktionen der Menschen direkt vor Ort wahrzunehmen.

1. Auflage
184 Seiten
Softcover, Klebebindung
WG Unterhaltung
Print:
ISBN 978-3-944266-25-1
€ 12,90 (D) / € 13,90 (A) / sFr 18,50
E-Book (EPUB):
ISBN 978-3-944266-26-8

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